Erasmus à Lille

In diesem Blog möchte ich meine Erlebnisse als Erasmus-Student während meiner zwei Semester in Frankreich (Lille) schildern. Lille, eine Metropole im Norden Frankreichs, wird ab 1. September 2005 meine Heimat für 10 Monate werden. An meinem Leben als Erasmus-Student, den vielen neuen Eindrücken beim Umzug in ein fremdes Land und allem was mich noch erwartet, möchte ich euch auf diesem Wege teilhaben lassen.

Wednesday, December 14, 2005

Wenig Schlaf & Viel Ärger

Es macht wenig Spaß, eine Woche lang kaum zu schlafen, weil man jeden Tag eine Prüfung zu machen oder ein Projekt abzugeben hat. Die triste Stimmung verwandelt sich allerdings in richtigen Frust, wenn man das umsonst macht. Wüsste man nämlich vorher, dass man zwei Prüfungen weniger haben wird, könnte man sich die Zeit gleich weit besser einteilen, und sich auf die Prüfungen, die tatsächlich stattfinden, auch besser vorbereiten. Zusätzlich könnte man ausgeruhter und weniger nervös zu den Prüfungen erscheinen.
Ich weiß, es ist eines meiner Dauerthemen mich über die Universitätsadministration zu beschweren, wie die eine oder andere Französin schon festgestellt hat (oui, je parle de toi, Marion!). Es ist für mich eben etwas ungewohnt, dass man auf eine Prüfung wartet, und der Professor einfach nicht auftaucht. Bei Nachfragen will dann erstmals keiner zuständig sein, bis sich schließlich irgendwer findet, der die Prüfung endgültig für verschoben erklärt. Verschoben auf wann? Na keine Ahnung, natürlich! Die ersten Gerüchte meinen dann, die Prüfung würde am Samstag stattfinden. Toll - somit darf ich noch einen Tag länger durchhalten. Zur Sicherheit schickt man dem zuständigen Professor noch eine mail, um diese Information bestätigt zu bekommen. Natürlich erhält man niemals eine Antwort.
Zwei Tage (und immerhin ein erfolgreich präsentiertes und abgegebenes Projekt) später schließlich das nächste Vorkommnis dieser Art. Nämlich gerade eben. Alle Studenten warten auf die Prüfung, es findet sich nur kein Professor, der auch prüfen möchte. Erste Auskünfte: Nein, der Professor der da ist, hat keine Prüfung anzubieten, aber wir sollen warten. Bis wann? Weiß niemand.
Zusätzlich schnappe ich das Gerücht auf, dass die Prüfung, die für Samstag angerüchtet wurde, nun nach den Ferien stattfinden soll. Wann genau? Weiß niemand, aber vor dem 5. Toll! Mein Flugticket habe ich für den 4. Jänner gebucht. Nicht-änderbar, da mit Billig-Airline. Allerdings schon teuer genug, weil
-) ich seit Anfang November allen Professoren nachlaufe, um Prüfungstermine zu erfahren
-) mir lange Zeit niemand Auskunft geben konnte
-) die Preise inzwischen gestiegen sind, weil ich nicht mehr früh genug dran bin
Als ich mir Anfang Dezember endlich alle Prüfungstermine versichern hatte lassen, habe ich endlich meinen Flug buchen können. Tja - und jetzt passt wieder nichts!
Der immer sehr freundliche Erasmus-Koordinator verbessert unsere Stimmung nicht unbedingt mit seinem scherzhaften "et vous êtes obligés de partir en vacances?". Doch er verspricht uns, eine Lösung zu finden.
Als wir schon das Gebäude verlassen wollen (die meisten Studenten sind mittlerweile verschwunden - Zeit für eine Prüfung bleibt ohnehin nicht mehr) entdecken wir den für die aktuell entfallende Prüfung zuständigen Professor. Unsere Probleme findet er höchst lustig, und er versteht es prächtig, uns den Eindruck zu vermitteln, es wäre unsere Schuld, dass wir im Jänner nicht an der Prüfung teilnehmen können. Wiederholt fragt er uns, ob wir nicht früher kommen wollen. Schließlich schreibt er sich wenigstens die Tage auf, an denen wir zurückkommen, weigert sich aber, uns zuzusichern, dass es für uns kein Problem geben wird.
Gerade wo wir angefangen hatten, uns hier richtig wohl zu fühlen...

Tuesday, December 13, 2005

Französische Prüfungszeit

Die französischen Prüfungsperioden sind kurz. Der Nachteil daran: Sie sind sehr intensiv, das Recht auf Schlaf wird einem vorübergehend entzogen. Hinter mir liegen 21 Stunden wach-sein mit wenig Pausen, vor mir liegen 4h Schlaf. Es quält die Unsicherheit, von den drei Weckern nicht geweckt zu werden. Bis Samstag gilt es noch durchzuhalten, dann liegen 2 eher unangenehme Wochen hinter mir.

Thursday, December 08, 2005

Stromausfall

Stromausfall 23:40. Liegt es an meiner Kochplatte? Pete hat bereits einige Male damit seinen Gang lahmgelegt. Den Herd reinigen, und anschließend kochen - gefährlich. Auf das Reinigen des Herds verzichte ich vorsorglich bereits seit Tagen.
Ich werfe einen Blick nach draußen. Oder versuche es. Der Gang ist dunkel. Doch man hört Türen, die geöffnet werden, Schritte im Gang. Finsternis. Kein Strom. Lichtreste aus dem zweiten Stock. Ich schließe die Tür wieder hinter mir (oder besser gesagt schließt sie sich selbst - der Auto-Schließer nervt) und überprüfe im Dunkeln meinen Zimmer-Sicherungskasten. Muss ja niemand wissen, dass es diesmal mein Herd war. Nun, meine Sicherungen haben nichts mitbekommen.
Ich schnappe mir also, was ich im Dunkeln für meine Schuhe halte, und begebe mich in den zweiten Stock, um von Pete eine Taschenlampe auszuborgen. Ich hätte zwar auch meine Fahrradlampe, doch diese gilt als verschollen, und ich würde nicht damit rechnen, sie in weniger als 20min finden zu können. Pete gibt mir Taschenlampe und gute Tipps mit auf den Weg. Wieder ein Stockwerk höher angekommen treffe ich einen spanischen Erasmus-Studenten, mit dem ich die Lage bespreche. Es herrscht Leben im dritten Stock. Jemand liest ein Buch, im Gang sitzend mit Taschenlampe.
Das Nachtmädchen-für-alles kommt gutgelaunt die Treppe hinauf, macht sich am Sicherungskasten zu schaffen, das Licht geht wieder an. Nachtmädchen-für-alles tratscht mit mir und dem Spanier, verabschiedet sich, geht. Wir zwei Erasmen beschweren uns über Live, die heute eine Party organisiert haben. "Kein Métro-Problem, da bis 05:00!" Und wie geht man da dann um 08:00 zu Vorlesungen? Egal - wir verabschieden uns voneinander, ich kehre in mein Zimmer zurück. Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen, schalte die Zeituhr ein, danach die Kochplatte. Es passiert - nichts. Mein Herd ist unschuldig! Alles wird gut. Die Nudeln beginnen wieder zu köcheln.

Tuesday, December 06, 2005

Aachen in Lille

Diesen Sonntag war eine von live organisierte Busreise nach Aachen geplant, um dortigen Weihnachtsmarkt zu besuchen. Eigentlich hätte die Reise am Samstag stattfinden sollen, was eine Teilnahme meinerseits unmöglich gemacht hätte (siehe Posting zum Französischkurs), "glücklicherweise" wurde sie aber doch noch verschoben.
So rüttelte ich mich also am Sonntag um 07:15 aus dem Bett um zu packen, und rechtzeitig um 08:30 bei der Métrostation zu sein.
Nach ca. 15min Wartezeit tauchten dann auch zwei Busse auf, in die wir frohen Mutes einstiegen. Da wir mittlerweile eine gewisse Unpünktlichkeit und schlechte Organisation ja gewohnt sind, dachten wir uns noch nicht viel dabei, als wir um 09:00, also 30min nach dem geplanten Abfahrtszeitpunkt immer noch nicht vom Fleck gekommen waren. Um 09:15 wurde uns dann erklärt, dass die Busfahrer auf irgendwelche wichtigen Papiere warteten, die per Post nicht gekommen waren (??). Nach vielen weiteren, langen Warteminuten kam die Frau Chefin des Unternehmens schließlich im Auto dahergeflitzt, und brachte die "Papiere". Um 10:00 traten wir nun also endlich unsere Reise an.
Wir kamen ca. 300m weit. Ein Live-Mädel bewies große navigationstechnische Fähigkeiten, indem sie den Bus statt in Richtung Autobahn auf einen Parkplatz manövrierte. Tja, und der Busfahrer bewies große Berufsuntauglichkeit, indem er es schaffte, das Heck seines Fahrzeugs beim Umdrehen auf dem (leeren!) Parkplatz so zu zerstören, dass eine Weiterfahrt mit diesem Bus nicht mehr möglich war. Nachdem wir wegen des Gerüchts, ein anderer Bus würde kommen, weitere 30min gewartet hatten, gab es schließlich das endgültige Aus. Wir durften uns dann noch eine Rede der Firmenchefin anhören, die uns keinerlei französische Sprachkompetenz zutraute, und deshalb mehr mit den Händen als mit Sprache zu verstehen gab, dass wir unser Geld zurückbekommen würden (na das hoffe ich doch mal), und uns versicherte, dass es sich bei ihrem Unternehmen um eines der seriösen Sorte handelte. Nun, dem will ich nicht gleich wiedersprechen, aber um eines der verlässlichen Sorte handelt es sich wohl nicht unbedingt.

Den Nachmittag (der Vormittag war ja schon beinahe dahin) nützten wir für einen Ausflug nach Lille, wo es ebenfalls einen Weihnachtsmarkt am Place Rihour gibt. Erstmal gönnten wir uns aber café, chocolat chaud etc. in einem Kaffee. Anschließend wurde die Entscheidung gefällt, Arieh Potère, auch bekannt als Harry Potter im Kino anzuschauen. Da wir noch eine Stunde bis zu Vorstellungsbeginn hatten, besuchten wir wiedereinmal le furet du Nord, und wie immer kam ich nicht umhin, mit einem neuen Buch wieder herauszukommen. In diesem Fall sind es sogar drei, nämlich drei Bände "Bescherelle". La grammaire, La Conjugaison und L'Ortographe, damit die kalten Winterabende nicht langweilig werden ;-)
Der Film war...naja, ich hatte wenig geschlafen, aber dennoch fielen meine Augen einige Male zu. Ganz ok, aber keineswegs herausragend.
Nach Vin Chaud und Baguette Flambée am Weihnachstmarkt gönnten wir uns schließlich noch eine Fahrt am Grande Roue, bevor wir zu Lernzwecken wieder in unsere jeweiligen Unterkünfte zurückkehrten.

Monday, December 05, 2005

Französischkurs

Warum stehe ich am Samstag um 08:00 freiwillig auf, um einen Französischkurs zu besuchen, der mir weder für's Studium, noch sprachlich allzuviel bringt?

Vielleicht tue ich es, um mir jedesmal neuerlich anzuhören, was für ein fauler Sack ich doch bin, weil ich nur 4 von 7 mal anwesend war. (Nein, ich werde nicht direkt angesprochen, und bin bei weitem nicht der einzige betroffene). (Wenn eine Einheit während einer Ferienwoche stattfindet, stehen die Chancen eben gut, dass viele Studenten nicht kommen. Gleiches gilt, wenn eine weitere Einheit an einem Tag stattfindet, wo live, die Studentenorganisation für Erasmusstudenten eine Reise nach Boulogne veranstaltet. Und wenn ich krank bin, wie bei der dritten, versäumten Einheit, dann komme ich auch nicht.)
Vielleicht tue ich es, um mir jedesmal neuerlich anzuhören, wie arm Frau Professor doch ist, weil sie 40min mit Öffis zur Uni fahren muss.
Vielleicht tue ich es, um interessante, lehrreiche und aufregende Artikel über nie dagewesene Themen wie Kindererziehung udgl. lesen zu können.
Vielleicht tue ich es, um mir anzuhören, wie uninteressiert wir doch allesamt seien, weil sich niemand an den Diskussionen zu genannten Themen beteiligen will.
Vielleicht tue ich es, um mir anzuhören, wie mittelmäßig unsere abgegebenen Aufgaben doch gewesen seien (naja, wenn der Anzipffaktor groß genug ist, werden Aufgaben eben in 15min vor dem Kurs hingekritzelt. Was soll man dann erwarten?). (Als Gegenmaßnahme habe ich nun die letzten beiden Aufgaben nicht mehr gemacht, und muss mich deshalb durch Schimpftiraden in diese Richtung nicht mehr betroffen fühlen).
Vielleicht tue ich es, um mir anzuhören, dass in Frankreich nur die besten Studenten bleiben können. (Eine Absichts meinerseits in dieser Richtung war mir nicht bekannt, aber Frau Professor weiß da sicher mehr als ich)
Vielleicht tue ich es, um mir sagen zu lassen, dass Frau Professor bei einigen von uns Sorgen hat, wenn sie an die kommende Prüfung denkt. (Je m'en fous, Madame!)

Da mir keiner der genannten Gründe plausibel erscheint, bitte ich um Auskünfte: Warum werde ich kommenden Samstag wieder um 08:00 aufstehen, um ein letztes Mal zum Kurs zu gehen? (Prüfung, *zitter* ;-)

PS.: Ich habe seit 3 Monaten täglich mit der französischen Sprache zu tun. Ich lese, spreche, höre und schreibe Französisch. Was genau soll es mir bringen, eine sinnlose Aufgabe in Französisch für den Samstag vormittag zu machen, Frau Professor?