Erasmus à Lille

In diesem Blog möchte ich meine Erlebnisse als Erasmus-Student während meiner zwei Semester in Frankreich (Lille) schildern. Lille, eine Metropole im Norden Frankreichs, wird ab 1. September 2005 meine Heimat für 10 Monate werden. An meinem Leben als Erasmus-Student, den vielen neuen Eindrücken beim Umzug in ein fremdes Land und allem was mich noch erwartet, möchte ich euch auf diesem Wege teilhaben lassen.

Tuesday, November 15, 2005

Descartes & die Uni

Man sollte nicht hinter allem, was Descartes im Namen trägt, hochphilosophisches vermuten. In manchen Fällen (wie diesem) handelt es sich einfach nur um die schnöde Beschwerde eines desillusionierten Studenten über gewisse Professoren. Hätte Descartes solcherlei mitterleben müssen, wäre aus seinem berühmten "je pense, donc je suis" vielleicht ein "je m'emmerde, donc je dois être étudiant!?", oder auch ein "ils vivent pour les règles, donc ils sont professeurs" geworden. Man hat's manchmal nicht leicht, wenn Professoren nur für ihre Regeln zu leben scheinen, sich anscheinend eine Axiomatik für den Alltag zurechtgelegt haben, und diese dann streng formal anwenden, und dabei auf das vergessen, worauf Descartes, so scheint es mir als Nicht-Philosophen, eigentlich hinauswollte: die Fähigkeit, zu denken. Nicht anders kann ich mir das Verhalten eines meiner Professoren erklären, der zwar bisher sehr steif und förmlich, aber durchaus freundlich aufgetreten war. Als es aber daran ging, Zweiergruppen für eine (umfangreichere) praktische Arbeit zu bilden, fanden sich jeweils zwei Franzosen, die sich schon jahrelang kannten, und übrig blieben die drei Erasmen, die den Kurs besuchen. Nun - man hört ja einiges über den sogenannten Erasmus-Bonus, der in vielen Fällen Entscheidungen zugunsten der Studenten ausfallen lassen soll. Leider setzt dies voraus, dass ein Professor überhaupt weiß, was ein Erasmus-Student ist. Dies schien hier nicht der Fall zu sein. Auf die harmlose Frage, ob es denn möglich sei, zu dritt zu arbeiten, da Zweiergruppen ja offensichtlich nicht möglich waren, und wir ohnehin einen sprachlichen Nachteil hätten, erhielten wir die patzige Antwort, warum wir denn nicht gleich 20er-Gruppen machen würden. Nun - das würde gewiss der heutzutage allgegenwärtigen Forderung nach mehr Wirtschaftsnähe an den Unis entgegenkommen, aber eigentlich war das nicht meine Frage. Vielmehr schien mir der Professor etwas überfordert damit, flexibel auf neue Situationen reagieren zu können (Erasmus-Studenten), und althergebrachte, sorgsamst aufgestellte Regeln ein wenig aufzuweichen. Somit wird nun einer von uns alleine arbeiten müssen, und da meine beiden Kollegen Spanier sind, wird das Los wohl auf mich fallen. Nunja, ich bin's ohnehin aus leidvoller Erfahrung gewohnt, dass man gerechte Beurteilung und gute Arbeit am ehesten dann erwarten kann, wenn man die Arbeit selbst erledigt, oder mit Leuten, deren Fähigkeiten und Verlässlichkeit man gut kennt. Dennoch, gerade ein Erasmus-Jahr sollte wohl neben akademischer Weiterbildung wohl eines bringen: Kontakte, und die Gelegenheit, mit Leuten aus anderen Kulturkreisen zusammenzuarbeiten. Es ist schade, und meiner Meinung nach sogar bedenklich, wenn ein Professor dies aktiv verhindern möchte. Doch welchen Standpunkt ein Professor zu dieser Problematik einnehmen würde, der neben seiner Muttersprache nichteinmal vernünftig Englisch spricht, dürfte klar sein.
Ich habe auch zuhause bei einigen Professoren schon einiges an Unfreundlichkeit, Kleinlichkeit, nicht vorhandener Hilfsbereitschaft und sogar gewisse Tendenzen, in Studenten ein Feindbild zu sehen beobachten, erleben und akzeptieren müssen. Dennoch denke ich, dass die Hilfsbereitschaft Erasmusstudenten gegenüber in Graz größer wäre (wobei ich natürlich keine Wetten abschließen möchte). Der Fairness wegen muss ich noch hinzufügen, dass man das bisher auch für alle anderen Professoren hier in Lille, mit denen ich zu tun habe sagen kann. Bisher bin ich nur größtmöglicher Hilfsbereitschaft und Aufgeschlossenheit (wenn auch nicht unbedingt der Bereitschaft, Ausländern gegenüber deutlicher oder langsamer zu sprechen) begegnet. Doch es sind wie so oft die Negativbeispiele, die in die Welt geschrien werden wollen.

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