Erasmus à Lille

In diesem Blog möchte ich meine Erlebnisse als Erasmus-Student während meiner zwei Semester in Frankreich (Lille) schildern. Lille, eine Metropole im Norden Frankreichs, wird ab 1. September 2005 meine Heimat für 10 Monate werden. An meinem Leben als Erasmus-Student, den vielen neuen Eindrücken beim Umzug in ein fremdes Land und allem was mich noch erwartet, möchte ich euch auf diesem Wege teilhaben lassen.

Wednesday, November 09, 2005

Das Wochenende im Krankenbett

Was sich seit letztem Donnerstag als leichtes Unwohlsein angekündigt hatte, war wenig beeindruckt von meinen Versuchen, das Kranksein im letzten Moment doch noch zu vermeiden (viel Ruhe, viel Tee, und dauerhaft einen Schal um den Hals), und hat sich über's Wochenende zu einer wirklich unangenehmen $GRIPPE entwickelt ($GRIPPE = hier: Oberbegriff für alle möglichen, nicht näher definierten Krankheiten), mit Hals- und Kopfschmerzen, Schnupfen, Husten und allem, was sonst doch dazugehört. Deshalb musste ich schweren Herzens mein Ticket für die am Samstag geplante Fahrt nach Boulogne (inklusive Besichtigung von Cap Griz Nez, Cap Blanc Nez, und des Aquariums in Boulogne) abgeben, und habe hauptsächlich das Bett gehütet (bis ich meine Post abgeholt habe, und freudig meinen Internetanschluss in Betrieb nehmen durfte). Da sich meine Beschwerden bis Montag zwar verändert, aber nicht verringert hatten, entschloss ich mich dann schließlich am Dienstag nachmittag einen Arzt aufzusuchen.
Nun ist ja dieses Jahr der althergebrachte Krankenschein in Österreich von einer Chipkarte ersetzt worden, auf deren Rückseite sich angeblich) EU-einheitliche Informationen finden, die die Karte zur europäische Versicherungskarte machen. Soweit die Theorie. Praktisch hatte ich keine Ahnung (und konnte auch keine näheren Informationen dazu finden), wie genau ein Arztbesuch mit Hilfe dieser Karte abläuft.
Erstmal musste ich aber einen Arzt finden, und warf dafür einen Blick ins Telefonbuch. Villeneuve d'Ascq hat ca. 60000 Einwohner - in den gelben Seiten fanden sich 60 praktische Ärzte. Da somit jeder zweite Block seinen eigenen Arzt zu haben scheint, geht man offensichtlich auch davon aus, dass alle Welt weiß, wo der nächste Arzt zu finden ist. Ich hatte mir die Adresse von 5 Ärzten notiert, es gelang mir jedoch erst beim vierten, ihn auch zu entdecken (was nicht schlimm war, weil alle 4 innerhalb von 5 Gehminuten wohnen *sollten*). Hausnummern sind hier absolute Mangelware, und keiner der ersten drei Ärzte befand es für nötig, ein Schild sichtbar aufzustellen. Der vierte Arzt schließlich half mir mit einem solchen Schild, ich trat frohen Mutes durch ein Tor - und wusste erneut nicht weiter. Ich sah nichts, was auch nur im entferntesten dem Anblick einer Arztpraxis, wie ich sie von zuhause gewohnt bin ähnelte. Ein Einfamilienhaus, ein Gartenhäuschen/Garage, Ende. Die Frau Gemahlin des Arztes schließlich zeigte mir den Weg - ins Gartenhaus. Hinter einer Tür, wo man normalerweise Besen und Heckenscheren vermuten würde befand sich ein Wartezimmer für ungefähr 6 Personen. Eine Anmeldung o.ä. war nicht nötig, als ich nach über einer Stunde endlich an der Reihe war, wurde ich durch eine Tür geführt, und fand mich wider Erwarten nicht zwischen Rasenmäher und sonstigen Gartenutensilien wieder, sondern in einer sehr einfach eingerichteten Arztpraxis wieder. Dennoch hatte ich natürlich vor, allem neuen und fremdartigen gegenüber aufgeschlossen zu sein, wie sich das für einen braven Erasmus gehört. Mein guter Wille wurde aber gleich darauf auf eine harte Probe gestellt - meine Plastikkarte beeindruckte den Arzt gar nicht - er wusste schlicht nicht, was er da vor sich hatte. Villeneuve d'Ascq ist so weit abseits aller touristischen Ziele, dass aller Wahrscheinlichkeit nach ein verschwindend geringer Prozentsatz der 60 Hausärzte schon einmal einen Urlaubskrankenschein gesehen haben. Dennoch, dank meiner Bereitschaft, den Arztbesuch selbst zu bezahlen wurde ich dann untersucht, und mein Eindruck verbesserte sich rapide. Die Untersuchung war gründlicher als ich das von zuhause gewohnt bin, der Arzt war freundlich und wirkte kompetent. Anstatt des üblichen Ratens zuhause stellte er mittels einer biologischen Analyse fest, ob es sich um eine bakterielle oder virale Krankheit handelte (letzteres traf zu), verschrieb mir ein Rezept, und bat mich, in ein paar Tagen wiederzukommen. Über meine eCard schüttelte er nochmal den Kopf, und meinte, er hätte genauso wenig Ahnung wie ich, wie ein Arztbesuch mit derselben ablaufen würde. Nun habe ich zwei Bestätigungen (von Arzt und Apotheke), für die ich hoffentlich irgendwo Geld bekomme - wo genau weiß ich nicht, aber ich bin zuversichtlich, dass ich diese Hürde auch meistern werde, nachdem ich es geschafft habe, in Villeneuve d'Ascq einen Arzt zu finden ;-)

Warum ich überhaupt krank geworden bin? Weil mich meine Heimreise durch London geführt hat, die günstigste Route (dank Ryanair). Auf der Rückreise musste ich gezwungenermaßen eine Nacht in London verbringen, da Ryanair aus Graz etwa eine Stunde zu spät ankommt, um den letzten Eurostar nach Frankreich noch erwischen zu können, sodass ich mich entschloss, den darauffolgenden Tag für eine kurze Besichtigung Londons zu nützen. Übernachtet habe ich direkt neben der St. Paul's Cathedral, in der Jugendherberge City of London, was mich zwar fast 40 Euro gekostet, mir dafür aber eine ideale Startpostition für meine Erkundung der Stadt verschafft hat.
Nach einer kurzen Tour zu Fuß zum (geschlossenen) Covent Garden, sowie Trafalgar Square am Abend, startete ich meine Tour in der Früh (nach einer Frühstückskonversation mit einem australischen Rechtsanwalt, der von Austrian Airlines maßlos begeistert war) in Richtung Tower of London, auf dessen Besichtigung ich dann aber aufgrund der Eintrittspreise (14 Pfund!) verzichten musste. Stattdessen untersuchte ich nach Überquerung der Tower-Bridge alle neun Decks der HMS Belfast, kehrte in die City zurück um St. Paul's Cathedral auch bei Tag zu besichtigen, und klapperte anschließend die Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt ab (Trafalgar Square, Covent Garden, Picadilly Circus, Treasury, Big Ben, Houses of Parliament, ...). Das ganze hätte ein wirklich angenehmer Tag sein können, das Problem waren nur einerseits die völlig überhöhten Preise, und der von 11h Vormittags beständige Nieselregen, gegen den mein Schirm wenig half, weil die feinen Tropfen vom Wind seitlich unter den Schirm befördert wurden, und ich somit ab ca. 13h völlig durchnässt durch London stapfte. Zu guter letzt hatte noch mein Eurostar 50min Verspätung, sodass ich gegen 23h in Lille erschöpft ins Bett fiel.

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